Wer führt, hält viel zusammen: Zahlen, Termine, Menschen. Über Jahre fällt kaum auf, wie viel davon auf den eigenen Schultern liegt. Meist kündigt sich Erschöpfung nicht laut an. Sie schleicht sich ein, in Gewohnheiten, die lange als Stärke gelten.
Das Modell von Herbert Freudenberger und Gail North beschreibt zwölf Phasen einer Erschöpfungsentwicklung. Es ist ein Erklärungsmodell, kein Diagnoseinstrument. Die ersten Phasen sind für Führungskräfte besonders aufschlussreich, weil sie so alltäglich wirken.
Fünf Warnzeichen, die Führungskräfte oft übersehen
1. Du musst dich ständig beweisen
Aus Ehrgeiz wird Zwang. Du willst zeigen, dass du alles schaffst, vor dem Team, vor dir selbst.
2. Du machst alles selbst
Delegieren fällt schwer, weil es schneller geht, wenn du es machst. Der Tag wird enger, und du wirst zum Engpass.
3. Deine eigenen Bedürfnisse rutschen nach hinten
Schlaf, Bewegung, Familie, Freunde. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil "gerade keine Zeit" ist, und das seit Monaten.
4. Du überhörst die Signale
Konflikte, Anspannung im Körper, schlechter Schlaf werden beiseitegeschoben. Nachts kreisen die Gedanken, oft um einzelne Menschen oder Entscheidungen, und bringen keine Erleichterung.
5. Die Rolle füllt alles aus
Wer du bist, hängt davon ab, wie du funktionierst. Was früher wichtig war, tritt zurück. Das Wofür ist verloren gegangen, und was bleibt, ist Pflicht.
Ein typisches Beispiel
Dieses Beispiel ist aus mehreren Begleitungen zusammengesetzt und so verändert, dass niemand zu erkennen ist.
Ein Geschäftsführer, Anfang fünfzig, führt einen Betrieb mit gut hundert Mitarbeitenden. Seit zwei Jahren fehlt Personal, die Termine sind eng, und er springt überall ein. Tagsüber funktioniert er. Nachts liegt er wach und geht Gespräche durch, vor allem eins mit einem Abteilungsleiter, über den er sich ärgert. Am Wochenende ist er körperlich da, aber nicht wirklich bei der Familie. Auf die Frage, was ihm im Moment Freude macht, fällt ihm nichts ein.
Im Gespräch zeigt sich: Der Abteilungsleiter ist nicht das Hauptproblem. Er ist der Punkt, an dem sich die Anspannung festmacht. Darunter liegt die Frage, wofür er das alles eigentlich tut. Der erste Schritt war klein: eine Aufgabe abgeben und einen festen Abend in der Woche für sich und die Familie freihalten. Mehr war es am Anfang nicht, und es hat gereicht, um wieder einen Anfang zu spüren.
Was früh helfen kann
Wann Coaching nicht reicht
Coaching ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung. Halten Erschöpfung, Schlafstörungen, Ängste oder gedrückte Stimmung über Wochen an, sprich bitte mit deinem Hausarzt, deiner Hausärztin oder einer therapeutischen Fachperson. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, hole dir sofort Hilfe: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr), in der Schweiz Die Dargebotene Hand 143, oder Notruf 112.
Dein nächster Schritt
Wenn du dich in mehreren Punkten erkennst, schauen wir im Gratis Orientierungsgespräch gemeinsam, wo du stehst und was dir guttun kann. Mehr dazu auf der Seite Führung mit Sinn.
Beste Grüße, Edmund
